Eltern richten einen Brandbrief an die Kom­munalpolitik

Thüringer Allgemeine, Lokalnachrichten vom 19.03.2025

Vertrauen in Kommunalpolitik steht im Eichsfeld auf dem Prüfstand. Eine Mittelkürzung hat hohe Wellen geschlagen

Silvana Tismer

Eichsfeld Landrätin Marion Frant (CDU) hatte gerade die Bürgerfragestunde nach dem öffentlichen Teil der jüngsten Kreistagssitzung im Eichsfeld ausgerufen, als ein Mann aufstand und zielstrebig mit einem Zettel in der Hand nach vorne ging. Er bat sich aus, das Rednerpult benutzen zu dürfen.

Kurz stellte er sich vor. Sein Name sei Leander Mainzer und er stehe an diesem Tag stellvertretend für viele aufmerksame Eltern vor dem Kreis­ tag und für eine noch größere Anzahl an Eltern, ,,die von einer potenziell drohenden Misere noch nichts wissen".

Diskrepanz zwischen Hilfeplan und Finanzentscheidungen
Ihm ging es um das Thema „Frühe Hilfen" im Eichsfeld. ,,Unzureichend zugewiesene finanzielle Mittel des Landkreises führen aktuell dazu, dass Anbieter, unter anderem auch der Kerbsche Berg in Dingelstädt, Angebote wie Pekip oder Elba beim DRK, die von Teilnehmenden aus dem ganzen Landkreis genutzt werden, verkleinern beziehungsweise in Zukunft unter Umständen aufgeben müssen", erklärte er.
Er skizzierte kurz, was die Angebote bedeuten. ,,Sie zielen in erster Linie darauf ab, die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu stärken." Viel wichtiger sei jedoch, dass die „Frühen Hilfen" es ermöglichen, Eltern bei Bedarf auf anschließende Hilfe oder Unterstützungsmaßnahmen aufmerksam zu machen beziehungsweise sie einzuleiten. ,,Beispielsweise bei drohender überlastung oder überforderung, die von Eltern immer wieder unterschätzt und meist nicht eigenständig erkannt wird", erklärte er.
,,Ich selbst bin Leiter einer Kinder- und Jugendeinrichtung in Dingelstädt, die mit jungen Leuten zu tun hat, bei denen diese frühen Hilfen nicht angekommen sind." Es gehe darum, Kindern eine gesunde gewaltfreie Entwicklung zu ermöglichen und eventuell überlasteten Familien frühzeitig, und bevor das Kind unter Umständen zu Schaden kommt, geeignete Unterstützung zuzuführen.

Leander Mainzer zitierte den aktuellen Eichsfelder Jugendhilfeplan für die Jahre 2025 und 2026. Dort hieße es unter der überschrift „Präventiver Kinderschutz" wörtlich: Die etablierte Angebotsstruktur der „Frühen Hilfen" wird sehr gut angenommen und ist ausgelastet. Ziel ist es, die vorhandene Angebotsstruktur der „Frühen Hilfen" weiter zu verfestigen. Die beschriebenen Angebote im Bereich der „Frühen Hilfen" werden kontinuierlich an die aktuellen Bedürfnisse von Eltern und Kindern im Landkreis angepasst, um frühzeitig auf mögliche Risikofaktoren in den Familien reagieren zu können. Jetzt stelle sich den Eltern und hoffentlich auch den Kreistagsmitgliedern die Frage: ,,Wie kann es sein, dass bei hoher Nachfrage und sehr guter Auslastung die finanzielle Unterstützung schrumpft?" Leander Mainzer warf weitere Fragen auf.

,,Welche Kosten verursacht es langfristig gesehen, wenn ,Frühe Hilfen' wegen des verringerten Angebotes entsprechende Risikolagen nicht ausreichend erkennen und Kinder zu Schaden kommen? Welche Kosten würden dann auf Jugendämter und Reha-Träger zu kommen?"

Am heutigen Tag erwarte er keine Antwort. ,,Wir wünschen uns aber, dass Sie dies in den kommenden Haushaltsplanungen entsprechend berücksichtigen und sich in der Vorbereitung darauf vielleicht die Frage stellen: Was macht unsere Gesellschaft, was macht uns als Eichsfelder aus? Sind wir nicht eine Gesellschaft, der bewusst ist, dass Familien und deren Kinder das wichtigste Fundament unserer Gemeinschaft bilden.?"

Der Leiter des Kinder- und Jugendhauses Sankt Josef in Dingelstädt verriet, dass er und seine Ehefrau selbst Eltern von drei Kindern seien.
,,Auch wenn wir beruflich gut verankert und uns in der Erziehung meistens einig sind, kommen wir immer wieder in Situationen, in denen wir uns eine kleine Oase zum kurzen Luftholen und gemeinsamen Aus­ tausch mit anderen Eltern wünschen." Angebote wie Pekip auf dem Kerbschen Berg seien alles andere als Spielenachmittage. Doch aktuell laufe der Landkreis Gefahr, Oasen wie den Kerbschen Berg schrittweise zu verlieren.
Es besteht die Gefahr, wichtige Einrichtungen zu verlieren Mainzer gab dem Kreistag noch einen Gedanken mit auf den Weg. Grundsätzlich sei seit Langem zu beobachten, dass das Vertrauen der
Bürgerinnen und Bürger in die Weltpolitik und Bundespolitik bröckelt.

„Wollen wir wirklich das Risiko eingehen, dass Familien im nächsten Schritt das Vertrauen in die Kommunalpolitik verlieren", fragte er und weiter, was dem Kreistag das Fundament das Landkreises wert sei. Er wünschte für die zukünftigen Haushaltsdebatten eine klare Haltung und eine eindeutige unmissverständliche Antwort.
Eine Diskussion dazu gab es nicht. Die Kreistagsmitglieder und auch die Verwaltung nahmen die Ausführungen des Dingelstädters schweigend zur Kenntnis.

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